Polestar hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen. Was als schwedisches Motorsport-Team begann, ist heute ein börsennotierter Elektroautohersteller mit chinesischer Konzernmutter, neuem CEO und einem ambitionierten Turnaround-Plan. Dieser Artikel gibt einen vollständigen Überblick zum Stand April 2026.
Die Eigentümerstruktur von Polestar hat sich seit 2024 grundlegend verändert. Jahrelang war die Volvo Car Group mit rund 48 Prozent der größte Einzelaktionär. Im Februar 2024 gab Volvo jedoch rund zwei Drittel dieser Beteiligung ab und reduzierte seinen Anteil auf zunächst 18 Prozent. Den größten Teil übernahm die Zhejiang Geely Holding Group direkt, die damit zum dominierenden Aktionär wurde.
Der Hintergrund: Polestar hatte seit der Gründung als eigenständige Marke Milliardenverluste angehäuft, und Analysten betrachteten den hohen Volvo-Anteil als Belastung für die schwedische Marke. Der Schritt zu Geely sollte die Finanzierung sichern, ohne Volvo Cars weiter zu belasten.
Im März 2026 kam es zu einer weiteren Verschiebung: Volvo Cars wandelte rund 274 Millionen US-Dollar eines bestehenden Wandeldarlehens in Polestar-Aktien um und erhöhte damit seinen Anteil von 9,8 auf rund 19,9 Prozent. Auch Geely Sweden Holdings AB plant, Schulden von rund 300 Millionen US-Dollar in Eigenkapital umzuwandeln. Diese Maßnahmen sind Teil einer umfassenden Bilanzrestrukturierung.
| Aktionär | Rolle | Stand (April 2026) |
|---|---|---|
| Zhejiang Geely Holding Group | Hauptaktionär | Mehrheit (genaue Quote nicht öffentlich) |
| Volvo Cars | Strategischer Investor | ca. 19,9 Prozent (nach Wandlung März 2026) |
| Streubesitz / Institutionelle Investoren | Börsenaktionäre (Nasdaq: PSNY) | Rest der ausstehenden Aktien |
Wichtig zu verstehen: Volvo Cars selbst gehört zu rund 78,7 Prozent der Geely Sweden Holdings AB, also letztlich ebenfalls der Geely-Gruppe. Polestar wird damit auf zwei Wegen von Geely kontrolliert: direkt als Großaktionär und indirekt über Volvo Cars als strategischen Investor.
Seit dem 1. Oktober 2024 ist Michael Lohscheller CEO von Polestar. Er folgt auf Thomas Ingenlath, der die Marke von ihrer Gründung 2017 bis zum Herbst 2024 als CEO geprägt hatte. Ingenlath kehrte im Februar 2026 als Chief Design Officer zu Volvo Cars zurück.
Lohscheller ist ein erfahrener Automobilmanager aus Deutschland. Er war zuvor CEO von Opel (2017 bis 2021), wo er die Marke nach dem Wechsel zu Stellantis durch einen Turnaround führte, danach CEO von VinFast und Nikola. Geely-Vertreter Winfried Vahland, der Vorsitzende des Aufsichtsrats bei Polestar, hob Lohschellers operative Erfahrung und seine Fähigkeit zur Entwicklung einer kohärenten Produktstrategie als ausschlaggebend für die Wahl hervor.
Polestar steckt in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase. Seit Gründung der eigenständigen Marke 2017 haben sich Verluste von über vier Milliarden US-Dollar angehäuft. Der Aktienkurs kollabierte nach dem Börsengang 2022. Dennoch gibt es erste Zeichen der Erholung: Lohscheller meldete für 2025 insgesamt 60.119 ausgelieferte Fahrzeuge weltweit. In Europa wuchs Polestar 2025 um 60 Prozent.
Die vollständigen Geschäftsergebnisse für 2025 werden im Frühjahr 2026 veröffentlicht. Als Ziel hatte das Unternehmen ausgegeben, 2025 erstmals profitabel zu werden. Ob das gelungen ist, bleibt zum Redaktionsschluss offen. Zur Finanzierung hatte Polestar 2024 eine Kreditlinie von 950 Millionen US-Dollar bei einem Konsortium aus zwölf internationalen Banken aufgenommen, darunter BNP Paribas, HSBC und Standard Chartered.
| Kennzahl | Wert / Stand |
|---|---|
| Auslieferungen 2025 (gesamt) | 60.119 Fahrzeuge |
| Wachstum Europa 2025 | +60 Prozent |
| Verluste seit Gründung (kumuliert) | über 4 Mrd. US-Dollar |
| Kreditlinie (2024) | 950 Mio. US-Dollar (12 Banken) |
| Börsennotierung | Nasdaq, Kürzel: PSNY (seit Juni 2022) |
| Hauptsitz | Torslanda bei Göteborg, Schweden |
Die Wurzeln von Polestar liegen im schwedischen Motorsport. 1996 gründete der Rennfahrer Jan „Flash“ Nilsson das Team Flash Engineering, das sich auf die Optimierung von Volvo-Fahrzeugen für den Rennsport spezialisierte. 2005 erfolgte die Umbenennung in Polestar, womit der Name Synonym für leistungsstarke Volvo-Fahrzeuge wurde.
2015 übernahm Volvo Cars die Performance-Sparte von Polestar. 2017 folgte dann die entscheidende Wende: Polestar wurde als eigenständige Elektroautomarke ausgegründet, unterstützt von Volvo Cars und der Geely-Holding. Das erste Modell, der Polestar 1, war ein Hybridcoupé in limitierter Auflage. Mit dem Polestar 2 folgte 2020 das erste rein elektrische Serienmodell.
Im Juni 2022 ging Polestar über eine SPAC-Fusion mit Gores Guggenheim an der Nasdaq an die Börse. Seitdem ist die Aktie unter dem Kürzel PSNY handelbar. Der Börsengang brachte frisches Kapital, doch der Aktienkurs brach in der Folge stark ein.
CEO Lohscheller hat für Polestar einen klaren Turnaround-Plan vorgelegt. Seiner Einschätzung nach adressiert die bisherige Modellpalette nur rund 25 Prozent des Elektroautomarktes. Mit vier neuen Modellen in den nächsten drei Jahren soll der erreichbare Marktanteil auf über 55 Prozent ausgebaut werden.
Für den US-Markt ist die Produktion des Polestar 3 im Werk Ridgeville (South Carolina) strategisch entscheidend, da so die US-Importzölle auf chinesisch produzierte Fahrzeuge umgangen werden können. In China hingegen, wo ein Großteil der bisherigen Produktion stattfand, zieht sich Polestar aus dem aktiven Neukundengeschäft zurück und betreut nur noch Bestandskunden.
Polestar bleibt dabei einer reinen Elektrostrategie treu. Auf Hybridmodelle oder Verbrenner setzt das Unternehmen ausdrücklich nicht. Lohscheller begründet das mit der Markenstärke bei überzeugten Elektroauto-Kunden, die er nicht durch eine technologische Kursänderung gefährden will.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1996 | Gründung Flash Engineering durch Jan Nilsson in Schweden |
| 2005 | Umbenennung in Polestar, Fokus auf Performance-Optimierung für Volvo |
| 2015 | Volvo Cars übernimmt die Polestar Performance-Sparte |
| 2017 | Ausgründung als eigenständige Elektroautomarke unter Volvo und Geely |
| Juni 2022 | Börsengang über SPAC-Fusion an der Nasdaq (PSNY); Volvo hält 48,3%, Geely ca. 39% |
| Februar 2024 | Volvo reduziert Anteil von 48% auf 18%; Geely wird direkt dominierender Aktionär |
| Oktober 2024 | CEO-Wechsel: Thomas Ingenlath geht, Michael Lohscheller übernimmt |
| März 2026 | Volvo wandelt 274 Mio. USD Schulden in Aktien; Anteil steigt auf ca. 19,9 Prozent |
Bildquelle: Polestar Automotive Holding UK PLC