Ein Einkäufer in einem mittelgroßen Industrieunternehmen sitzt einem Außendienstler gegenüber. Das Angebot liegt auf dem Tisch. Der Einkäufer schaut kurz drauf, legt es weg und sagt: „Das ist zu teuer. Da müssen Sie sich bewegen.“
Er hat keine Vergleichsangebote eingeholt. Er weiß nicht, ob der Wettbewerb wirklich günstiger ist. Er sagt es trotzdem. Weil er weiß, dass es funktioniert.
In den meisten Fällen bewegt sich der Verkäufer.
Was viele Verkäufer nicht wissen: Dieser Moment wird auf der Einkäuferseite nicht als Verhandlungserfolg verbucht, sondern als Information. Die Information lautet: Hier ist Spielraum. Und beim nächsten Mal wird dieser Spielraum früher eingefordert.
Wer verstehen will, warum Preisverhandlungen im B2B so häufig zulasten des Verkäufers ausgehen, muss sich anschauen, wie die Gegenseite arbeitet.
Professionelle Einkäufer in Industrie- und Großhandelsunternehmen werden heute gezielt geschult. Verhandlungsführung, Drucktaktiken, psychologische Gesprächsführung. Das ist kein Geheimnis, aber viele Unternehmen auf der Verkäuferseite haben darauf noch nicht reagiert.
Ein zentrales Element dieser Schulungen ist das Erkennen von Verhandlungsbereitschaft. Einkäufer lernen, Signale zu lesen. Wie schnell antwortet der Verkäufer auf Einwände? Wie sicher klingt er, wenn er seinen Preis nennt? Zieht er das Gespräch nach vorne oder wartet er auf Reaktion? Diese Signale verraten mehr über den tatsächlichen Spielraum als jede Preisliste.
Ein Verkäufer, der beim ersten Einwand sichtbar nervös wird oder sofort nach einer Lösung sucht, die dem Kunden entgegenkommt, hat in diesem Moment seine Verhandlungsposition deutlich geschwächt. Nicht weil er etwas Falsches gesagt hat, sondern weil sein Verhalten signalisiert: Hier geht noch was.
Es gibt eine weitverbreitete Überzeugung im Vertrieb, dass ein Nachlass, der den Auftrag sichert, besser ist als kein Nachlass und kein Auftrag. Das stimmt in bestimmten Situationen. Es stimmt nicht als generelles Prinzip.
Wer systematisch zu früh nachgibt, sendet ein Signal, das über den einzelnen Auftrag hinausgeht. Er signalisiert dem Kunden, dass der aufgerufene Preis kein ernst gemeinter Preis ist, sondern ein Verhandlungsstart. Das verändert das Fundament der Geschäftsbeziehung. Ab diesem Punkt ist jedes Angebot eine Einladung zur Verhandlung. Nicht weil der Kunde das so will, sondern weil der Verkäufer es so etabliert hat.
Oliver Schumacher, der seit 2009 Vertriebsteams im Mittelstand begleitet und dabei regelmäßig mit genau diesem Muster konfrontiert wird, beschreibt es direkt: „Wer Preise senkt, ist schwach.“ Gemeint ist nicht der Verkäufer als Person, sondern die Haltung hinter dem Nachlass. Wer seinen Preis nicht überzeugend vertreten kann, gibt nach. Und wer nachgibt, ohne einen guten Grund dafür zu haben, hat keinen guten Grund, es beim nächsten Mal nicht wieder zu tun.
Es gibt Situationen, in denen ein Nachlass sinnvoll ist. Wenn damit ein strategisch wichtiger Erstkontakt ermöglicht wird. Wenn eine Gegenleistung vereinbart wird, etwa ein größeres Volumen, ein längerer Vertrag oder eine Referenz. Wenn die Beziehung zum Kunden eine Investition rechtfertigt, die sich langfristig rechnet.
Diese Situationen haben eines gemeinsam: Der Nachlass hat eine Begründung, die intern klar ist und die der Verkäufer auch gegenüber dem Kunden vertreten kann. Er ist eine bewusste Entscheidung, kein Reflex.
Was in der Praxis häufiger passiert, ist das Gegenteil. Der Nachlass entsteht im Gespräch, aus dem Impuls heraus, den Auftrag nicht zu verlieren. Er ist nicht vorbereitet, nicht begründet und nicht mit einer Gegenleistung verknüpft. Er ist das Ergebnis von Unsicherheit in einem Moment, in dem Sicherheit gefragt wäre.
Schumacher bringt den Kern auf eine Formulierung, die im ersten Moment überrascht: „Wenn du die Preise erhöhst und keine Kunden verlierst, dann ist deine Preiserhöhung nicht hoch genug gewesen.“ Übertragen auf Nachlässe bedeutet das: Wer nie einen Kunden verliert, weil er zu früh nachgibt, zahlt einen Preis, den er nicht auf der Rechnung sieht.
Der Unterschied zwischen einem Verkäufer, der beim ersten Einwand nachgibt, und einem, der standhält, liegt selten in der Persönlichkeit. Er liegt in der Vorbereitung.
Wer vor einem Kundentermin weiß, was er antwortet, wenn der Preis infrage gestellt wird, hat eine andere Ausgangslage als wer in diesem Moment zum ersten Mal darüber nachdenkt. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis ist die Vorbereitung auf Preiseinwände in vielen Vertriebsteams minimal.
Was konkret hilft: Den Wert des Angebots vor dem Gespräch klar durchdenken. Was bringt dieses Produkt diesem Kunden konkret? Was würde es kosten, wenn er es nicht hätte oder wenn er zum Wettbewerb wechselt? Welche Risiken trägt der Lieferant weg, die beim Kunden sonst intern anfallen?
Wer diese Fragen beantwortet hat, bevor er in das Gespräch geht, kann auf einen Preiseinwand reagieren, ohne sofort in den Nachlass-Modus zu wechseln. Er kann sagen, was er bietet, warum es das wert ist und was der Kunde auf der anderen Seite der Waagschale abwägen sollte.
Das ist kein Trick. Es ist Vorbereitung auf ein Gespräch, das täglich geführt wird.
Das Thema Nachlässe wird in vielen Unternehmen nicht systematisch geführt. Es gibt keine klare Linie darüber, wann ein Nachlass vertretbar ist und wann nicht. Es gibt keine Auswertung darüber, bei welchen Kunden wie viel Spielraum gegeben wird. Und es gibt selten ein Gespräch darüber, was ein Nachlass in konkreten Zahlen bedeutet.
Der erste Schritt ist Transparenz. Wer auswertet, wie groß der Abstand zwischen kalkulierten und erzielten Preisen ist, hat eine Grundlage für ein sachliches Gespräch mit dem Team. Nicht als Vorwurf, sondern als Information.
Der zweite Schritt ist eine klare Linie. Welche Spielräume gibt es, unter welchen Bedingungen und mit welchen Gegenleistungen? Verkäufer, die wissen, was intern akzeptiert wird und was nicht, haben im Kundengespräch eine klarere Haltung. Sie können sich auf eine Linie beziehen, statt im Moment zu entscheiden.
Der dritte Schritt ist Training, das an echten Situationen ansetzt. Nicht allgemeine Verhandlungstechniken, sondern konkrete Vorbereitung auf die Einwände, mit denen das eigene Team tatsächlich konfrontiert wird. Was sagt man, wenn ein langjähriger Kunde mit Wettbewerb droht? Was antwortet man, wenn der Einkäufer sagt, das Budget sei gekürzt worden? Was tut man, wenn ein Gespräch zu kippen droht?
Diese Situationen lassen sich üben. Und wer sie geübt hat, ist in dem Moment, in dem sie wirklich eintreten, ein anderer Gesprächspartner.
Es gibt eine Beobachtung aus der Praxis, die viele Verkäufer überrascht. Einkäufer, die regelmäßig verhandeln, haben oft mehr Respekt vor Verkäufern, die standhaft bleiben, als vor solchen, die schnell nachgeben.
Das liegt nicht daran, dass Einkäufer schwierige Gespräche mögen. Es liegt daran, dass ein Verkäufer, der seinen Preis hält, signalisiert, dass er von seinem Angebot überzeugt ist. Und ein Anbieter, der von seinem Angebot überzeugt ist, ist glaubwürdiger als einer, der beim ersten Widerstand ins Wanken gerät.
Vertrauen entsteht nicht durch Nachgeben. Es entsteht durch Verlässlichkeit. Und ein Preis, der heute gilt, weil er gut begründet ist, ist verlässlicher als ein Preis, der immer verhandelbar ist.
Oliver Schumacher ist Verkaufstrainer mit Schwerpunkt auf B2B-Vertrieb, Preisverhandlungen und Kaltakquise. Er arbeitet seit 2009 mit mittelständischen Unternehmen aus Industrie, Großhandel und technischem Vertrieb. Weitere Informationen unter oliver-schumacher.de.
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