Wer bei Google nach „Mister Spex pleite“ sucht, findet eine Menge Schlagzeilen. Die Wahrheit ist differenzierter: Der Berliner Online-Optiker ist nicht insolvent gegangen. Aber er steckte tief in der Krise und hat in den vergangenen zwei Jahren ein hartes Restrukturierungsprogramm durchlaufen, das das Unternehmen grundlegend verändert hat. Was genau passiert ist, wo Mister Spex heute steht und was Kunden wissen sollten – das beantworten wir hier.
Mister Spex wurde 2007 gegründet und wuchs jahrelang schnell. Als das Unternehmen 2021 an die Börse ging, lag der Ausgabepreis bei 25 Euro je Aktie. Was folgte, war eine Enttäuschung für Investoren: Trotz steigender Umsätze schrieb Mister Spex Jahr für Jahr rote Zahlen. 2022 lag der Nettoverlust bei rund 45 Millionen Euro. 2023 stieg der Umsatz auf 224 Millionen Euro, doch auch hier blieb unterm Strich ein Minus.
Das Grundproblem war struktureller Natur: Das Unternehmen hatte sich stark auf rabattgetriebenes Wachstum verlassen. Wer Brillen kaufen wollte, wartete auf den nächsten Rabattcode. Die Margen litten, die Kosten blieben hoch. Gleichzeitig hatte Mister Spex aggressiv in den Aufbau eines Filialnetzes in mehreren Ländern investiert, darunter Österreich, Schweden und die Schweiz. Das Modell funktionierte nur, solange das Wachstum stimmte.
Genau das erinnert an ein Muster, das man auch aus anderen Branchen kennt: Unternehmen geraten in eine Rabattspirale, aus der sie sich kaum noch befreien können – Kunden gewöhnen sich an niedrige Preise und kaufen nur noch mit Nachlass.
Anfang Juli 2024 traten zwei neu gewählte Aufsichtsräte nach nur vier Wochen im Amt zurück. Kurz darauf kündigte Gründer und CEO Dirk Graber seinen Rücktritt an. Im August 2024 präsentierte das Unternehmen dann das Restrukturierungsprogramm „SpexFocus“ und gab gleichzeitig eine Gewinnwarnung heraus.
| Problem | Auswirkung |
|---|---|
| Hohe Abhängigkeit von Rabattaktionen | Niedrige Margen, kaum Profitabilität |
| Expansion in mehrere Länder | Hohe Fixkosten im Auslandsgeschäft |
| Schwacher E-Commerce-Sommer 2024 | Umsatz deutlich unter Erwartung |
| CEO-Abgang und Aufsichtsratswechsel | Verunsicherung bei Investoren |
| Hohes Cash-Burn-Tempo | Latente Insolvenzgefahr ohne Gegenmaßnahmen |
Das Restrukturierungsprogramm, das Aufsichtsrat und Vorstand im August 2024 verabschiedet haben, war umfassend. Die wichtigsten Maßnahmen:
Internationale Filialen geschlossen: Alle acht Auslandsfilialen in Österreich, Schweden und der Schweiz wurden geschlossen. Das internationale Geschäft verzeichnete daraufhin einen Rückgang von 13 Prozent.
Personalabbau: Rund 12 Prozent der damals 1.300 Mitarbeiter wurden entlassen. Im Spätjahr 2025 folgte ein weiteres freiwilliges Trennungsprogramm am Berliner Hauptsitz.
Rabatte runter, Qualität rauf: Mister Spex hat die Rabattintensität deutlich reduziert und sich neu positioniert – weg vom Schnäppchenjager-Publikum, hin zu ansprüchsvollen Kunden zwischen 40 und 60 Jahren mit Bedarf an Gleitsichtbrillen.
Premium-Glasportfolio ausgebaut: Mit SpexPro-Eigenmarke und HOYA-Gläsern stieg der durchschnittliche Bestellwert im Korrektionsbrillensegment um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Abo-Modell eingeführt: „Mister Spex Switch“ gewann 2025 stark an Bedeutung und machte im vierten Quartal rund 16 Prozent des Filialumsatzes aus.
Die Jahreszahlen für 2025 (vorläufig, Bestätigung am 26. März 2026) zeigen den Preis der Restrukturierung:
| Kennzahl | 2024 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Nettoumsatz | 217 Mio. Euro | 178 Mio. Euro | -18% |
| Like-for-like-Wachstum DE | +2% | +8% | Stark verbessert |
| Kassenbestand | ca. 100 Mio. Euro | 56 Mio. Euro | Gesunken, aber stabil |
| EBIT-Marge | negativ | -5% bis -15% | Unteres Ende der Prognose |
Das Like-for-like-Wachstum von 8 Prozent im deutschen Kerngeschäft ist das entscheidende positive Signal. Es zeigt, dass die Filialen, die noch offen sind, besser performen als zuvor. Der Umsatzrückgang insgesamt ist bewusst gesteuert – weniger Rabatte bedeuten eben auch weniger Käufe auf Schnäppchenbasis.
Mister Spex ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren gerieten viele Unternehmen unter Druck, die zu stark auf Wachstum statt auf Profitabilität gesetzt haben. Ob im Energiesektor – wie man es bei der Frage rund um Octopus Energy sehen konnte – oder im Online-Handel: Das Muster ist oft ähnlich. Schnelles Wachstum, hohe Kosten, dann der Punkt, an dem das Modell nicht mehr funktioniert.
Der Unterschied zu echten Insolvenzen: Mister Spex hatte trotz aller Probleme noch rund 100 Millionen Euro Cash aus dem Börsengang als Puffer. Das gab dem Unternehmen Zeit, sich zu sanieren – ohne Insolvenzantrag stellen zu müssen.
Die ehrliche Antwort: Die Situation ist stabiler als noch 2024, aber noch nicht geklärt. Das SpexFocus-Programm ist abgeschlossen. 2026 soll ein weiteres Übergangsjahr werden, in dem Tech-Stack und Logistik optimiert werden. Analysten erwarten dafür nochmals Restrukturierungskosten zwischen 10 und 20 Millionen Euro.
Der Kassenbestand von 56 Millionen Euro am Jahresende 2025 reicht vorerst. Vier neue Filialen sollen 2026 eröffnet werden. Das Offline-Geschäft in Deutschland wächst flächenbereinigt solide. Der Online-Kanal – der 60 Prozent des Umsatzes ausmacht – soll in ähnlichem Umfang stabilisiert werden.
Wer bei Mister Spex kauft oder eine Brille bestellt hat, muss sich keine unmittelbaren Sorgen machen. Das Unternehmen ist zahlungsfähig, die Filialen in Deutschland sind geöffnet, und Garantien gelten weiterhin. Was sich verändert hat: Auf saftige Rabattcodes muss man sich künftig weniger verlassen. Mister Spex will weg vom Billig-Image.
Interessant ist auch der Vergleich mit dem Online-Apothekenmarkt: Ähnliche Fragen stellten sich ja auch bei Online-Apotheken wie Apotal, die in einem hart umkämpften Markt mit Preisdruck kämpfen. In solchen Sektoren entscheidet letztlich die Fähigkeit zur Profitabilität über das Überleben.
Mister Spex ist nicht pleite. Aber das Unternehmen hat in den letzten zwei Jahren einen schmerzhaften Transformationsprozess durchlaufen, der mit Stellenabbau, Filialschließungen und einem bewussten Umsatzrückgang verbunden war. Der Kurs ist klar: weg von Rabatten, hin zu echtem Optikergeschäft mit hochwertigen Produkten und langfristigen Kundenbeziehungen.
Ob das Modell langfristig trägt, wird sich 2026 zeigen. Das Fundament ist gelegt, der Kassenbestand reicht, und das deutsche Kerngeschäft zeigt echte Fortschritte. Mister Spex hat eine realistische Chance, als profitabler Omnichannel-Optiker aus dieser Krise hervorzugehen. Ob diese Chance genutzt wird, hängt von der Umsetzung in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten ab.