Görtz Insolvenz: Die Geschichte einer dreifachen Pleite

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  • vor 2 Wochen
  • Letztes Update: Apr. 2026

Verfasst von Redaktion (blR)

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Die Schuhkette Görtz ist eine der bekanntesten Adressen für Schuhe in Deutschland. Doch die Hamburger Traditionskette hat in den vergangenen Jahren eine dramatische Talfahrt erlebt: Dreimal innerhalb von wenigen Jahren meldete das Unternehmen Insolvenz an. Was steckt hinter dem wiederholten Scheitern, und welche Zukunft hat Görtz noch?

⚠️ Aktueller Stand (Januar 2025): Am 20. Januar 2025 hat das Amtsgericht Hamburg erneut ein Insolvenzverfahren über die Görtz Retail GmbH eröffnet. Es ist die zweite Insolvenz innerhalb von nur 18 Monaten. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Dr. Gideon Böhm von der Kanzlei Münzel & Böhm bestellt.

Görtz: 150 Jahre Schuhhandel, dreimal insolvent

Die Ludwig Görtz GmbH wurde 1875 in Hamburg gegründet und war über Jahrzehnte eine feste Institution im deutschen Schuheinzelhandel. Vor wenigen Jahren noch betrieb die Kette rund 160 Filialen in Deutschland und Österreich und beschäftigte rund 1.800 Mitarbeiter. Heute sind es nach Informationen des Hamburger Abendblatts nur noch etwa 30 Standorte.

Zeitpunkt Ereignis
1875 Gründung der Ludwig Görtz GmbH in Hamburg
2020 Umsatzeinbruch durch Corona um mehr als 20 % auf 199 Mio. Euro, Verlust von 36,3 Mio. Euro
2021 Staatliche Kapitalspritze von 28 Mio. Euro durch den Wirtschaftsstabilisierungsfonds
September 2022 Erste Insolvenz: Schutzschirmverfahren für Ludwig Görtz GmbH, Insolvenz der Töchter
Frühjahr 2023 Übernahme durch Investor Bolko Kissling (CK Technology Solutions), Ende des Verfahrens
Januar 2025 Zweite Insolvenz: Fremdanträge von vier Gläubigern, Amtsgericht Hamburg eröffnet Verfahren
August 2025 Auch österreichische Tochterfirma GAT Retail GmbH wird insolvent

Warum scheiterte Görtz so oft?

Die erste Insolvenz 2022 begründete Görtz selbst mit Umsatzrückgängen durch die Pandemie und steigende Energiekosten. Darunter lagen aber tiefere strukturelle Probleme: Der stationäre Schuhhandel geriet seit Jahren unter Druck durch den Online-Handel. Während Wettbewerber wie Zalando den E-Commerce-Markt dominierten, gelang es Görtz nicht, eine tragfähige Digitalstrategie zu entwickeln.

Nach dem Einstieg von Investor Bolko Kissling im Frühjahr 2023 schien eine Rettung möglich. Doch die zweite Chance wurde verspielt. Laut Insolvenzverwalter Gideon Böhm leistete Kisslings Gesellschaft nur den ersten Teil der zugesagten Investitionssumme von 500.000 Euro. Der zweite Teil in Höhe von 1,3 Millionen Euro wurde nicht ausgezahlt. Zusätzlich häufte Görtz hohe Mietschulden an: Allein für zwei Hamburger Filialen beliefen sich die Rückstände auf mehr als 700.000 Euro.

💡 Besonderheit der zweiten Insolvenz: Beim zweiten Verfahren handelte es sich nicht um einen freiwilligen Antrag von Görtz, sondern um sogenannte Fremdanträge. Vier Gläubiger stellten diese Anträge gegen das Unternehmen, weil Rechnungen nicht mehr beglichen wurden. Das zeigt, wie weit die finanzielle Kontrolle verloren gegangen war.

Was bedeutete die Insolvenz für Mitarbeiter und Filialen?

Zum Zeitpunkt der zweiten Insolvenz im Januar 2025 beschäftigte die Görtz Retail GmbH noch rund 400 Mitarbeiter. Für sie beantragte der Insolvenzverwalter Insolvenzgeld bei der Bundesagentur für Arbeit. Die noch geöffneten Filialen sollten während des Verfahrens zunächst weiterbetrieben werden, um Sanierungsoptionen zu prüfen. Gleichzeitig waren sechs Hamburger Filialen von Räumungsklagen betroffen, darunter das Prestige-Flagshipstore an der Spitalerstraße.

Auch die Logistiktochter Atlant Logistik GmbH und die Görtz Holding GmbH wurden wenig später ebenfalls insolvent. Für alle drei Görtz-Gesellschaften prüfte Insolvenzverwalter Böhm mögliche Sanierungsaussichten, es gab laut seinen Angaben auch erste Kaufinteressenten.

📊 Görtz in Zahlen:Gegründet: 1875 in Hamburg
Filialen vor erster Insolvenz 2022: rund 160
Filialen nach zweiter Insolvenz 2025: rund 30
Mitarbeiter Görtz Retail GmbH (Jan. 2025): ca. 400
Mietschulden (zwei Hamburger Filialen): über 700.000 Euro
Insolvenzverwalter: Dr. Gideon Böhm, Kanzlei Münzel & Böhm

Görtz als Symptom einer Branchenkrise

Die Pleiten von Görtz stehen stellvertretend für eine tiefe Strukturkrise im deutschen Schuheinzelhandel. Der Kreditversicherer Allianz Trade zählte zwischen August 2024 und August 2025 insgesamt 2.490 Insolvenzen im Einzelhandel. Görtz ist dabei kein Einzelfall: Auch andere Traditionsmarken wie Wormland oder Gerry Weber kämpften in dieser Zeit mit Insolvenzverfahren. Der Einzelhandel gehört 2025 neben Bau und Gastronomie zu den am härtesten betroffenen Branchen.

Mehr über aktuelle Insolvenzen und ihre Hintergründe findest du in der News-Kategorie auf branchen-leader.com. Informationen zum Ablauf eines Insolvenzverfahrens findest du in unserem Ratgeber zur Privatinsolvenz.

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