Reiseveranstalter Pleiten: Von Thomas Cook bis FTI - der große Überblick 2025/2026

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  • vor 1 Jahr
  • Letztes Update: März 2026

Verfasst von Redaktion (blR)

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Die deutsche Reisebranche hat in den letzten Jahren eine Pleitewelle erlebt, die ihresgleichen sucht. Thomas Cook 2019, FTI Touristik 2024, We-Flytour, Aby Reisen und Carl Duisberg Centren 2025 – die Liste ist lang. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Fälle zusammen, erklärt was passiert ist, und zeigt, was Urlauber heute wissen müssen, damit sie im Ernstfall nicht auf ihrem Geld sitzenbleiben.

Update März 2026: Seit 2024 gab es mehrere neue Insolvenzen: FTI Touristik (Juni 2024), We-Flytour (Herbst 2024), Aby Reisen (April 2025) und Carl Duisberg Centren (November 2025). Der Deutsche Reisesicherungsfonds (DRSF) hat in der FTI-Insolvenz bereits rund 260 Millionen Euro an etwa 180.000 Kunden erstattet.

Die große Pleitewelle – eine Übersicht

Veranstalter Insolvenz Betroffene Kunden Abgesichert?
Thomas Cook / Neckermann September 2019 140.000 (im Urlaub) Nur teilweise (Versicherungsgrenze)
FTI Touristik / BigXtra 3. Juni 2024 175.000 Pauschalreisen Ja, vollständig über DRSF
We-Flytour Herbst 2024 Kleinerer Anbieter Ja, über DRSF
Aby Reisen 15. April 2025 Abitur- und Abschlussfahrten Ja, über DRSF
Carl Duisberg Centren 17. November 2025 Sprachreisen Ja, über DRSF

FTI Touristik: Die größte Pleite seit Thomas Cook

Am 3. Juni 2024 meldete FTI Touristik, Deutschlands drittgrößter Reiseveranstalter, Insolvenz an. Das kam selbst für Branchenkenner überraschend, denn noch wenige Wochen zuvor hatte es so ausgesehen, als würde ein Investor einsteigen. Der US-Finanzinvestor Certares hatte Interesse signalisiert, doch die Buchungseingänge blieben danach deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das Vertrauen der Reisebüros und Kunden war bereits beschädigt.

Die Folgen waren massiv: Alle rund 175.000 gebuchten Pauschalreisen wurden abgesagt. Rund 11.000 Mitarbeiter waren betroffen. Gläubiger meldeten Forderungen von knapp einer Milliarde Euro an. Am 1. September 2024 eröffnete das Amtsgericht München das Insolvenzverfahren. Insolvenzverwalter Axel Bierbach von der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach und Kollegen übernahm.

Was mit FTI-Teilen passierte: Im Insolvenzverfahren konnten mehrere Unternehmensteile verkauft werden: das Servicecenter Erf24, der Luxusveranstalter Windrose Finest Travel, die IT-Tochter Anixe Polen, die Online-Plattform 5vorFlug (an Urlaubsguru), der 50-Prozent-Anteil an der TVG-Reisebürokette sowie mehrere Hotels in Italien, der Türkei, Griechenland und auf Malta.

Sonnenklar TV: Den Reise-Shopping-Sender Sonnenklar TV hatte FTI bereits vor der Insolvenz an die RT Group verkauft. Er läuft weiter – getrennt vom FTI-Insolvenzverfahren.

So lief die Kundenerstattung bei FTI

Erstmals in der deutschen Reisegeschichte wurde bei einer Großinsolvenz der Deutsche Reisesicherungsfonds (DRSF) in vollem Umfang eingesetzt. Das Ergebnis: deutlich besser als 2019 bei Thomas Cook, aber nicht reibungslos.

Ab dem 8. August 2024 begann der DRSF mit Erstattungen. Bis Mitte 2025 wurden rund 260 Millionen Euro an etwa 180.000 Antragsteller ausgezahlt. Damit wurde der Großteil der berechtigten Pauschalreisekunden entschädigt. Problematisch blieben zwei Gruppen:

Nicht geschützt durch den DRSF: Kunden, die bei FTI Einzelleistungen gebucht hatten, also nur Hotel, nur Mietwagen oder nur Ausflüge, fielen nicht unter den Pauschalreiseschutz. Sie mussten ihre Forderungen in der Insolvenztabelle anmelden – mit geringen Aussichten auf Erstattung. Auch viele Reisebüros, die sich ihre Provision erst nach Abreise auszahlen liessen, stehen weitgehend leer da.

Neue Insolvenzen 2024 und 2025

FTI war kein Einzelfall. Die Reisebranche kämpft weiterhin mit einem schwierigen Umfeld aus hohen Kosten, verunsicherten Kunden und zunehmendem Wettbewerb durch Direktbuchungen.

We-Flytour (Herbst 2024): Ein kleinerer Anbieter, der ebenfalls über den DRSF abgesichert war. Die betroffenen Kunden konnten ihre Anzahlungen zurückfordern.

Aby Reisen (April 2025): Der auf Abitur- und Abschlussfahrten spezialisierte Veranstalter meldete am 15. April 2025 Insolvenz an. Da die Saison noch nicht begonnen hatte, waren keine Rückholaktionen nötig. Der DRSF übernahm die Absicherung aller betroffenen Pauschalreisen.

Carl Duisberg Centren (November 2025): Der bekannte Anbieter von Sprachreisen und Sprachkursen stellte am 1. November 2025 den Betrieb ein und beantragte am 17. November Insolvenz. Nur wenige Buchungen fielen unter den DRSF-Schutz, da viele Angebote nicht als klassische Pauschalreise eingestuft wurden.

Thomas Cook: Die Lektion, die alles verändert hat

Ohne das Scheitern von Thomas Cook im September 2019 würde es den Deutschen Reisesicherungsfonds in seiner heutigen Form nicht geben. Damals wurden rund 140.000 deutsche Urlauber kalt erwischt. Die Kundengeldversicherung hatte eine gesetzliche Obergrenze von 110 Millionen Euro, der tatsächliche Schaden lag bei 347 Millionen Euro. Der Staat musste rund 177 Millionen Euro übernehmen, und viele Kunden sahen nur etwa 17,5 Prozent ihrer Vorauszahlungen zurück.

Die Konsequenz: Ab dem 1. Juli 2021 gilt das neue Absicherungssystem. Große Veranstalter müssen dem DRSF beitreten, der unbegrenzt haftet. Die FTI-Insolvenz 2024 war der erste Praxistest – und er zeigte, dass das System grundsätzlich funktioniert, auch wenn es in der Abwicklung zu Reibungen kam.

DER Touristik: Wer von den Pleiten profitiert

Nicht alle Reiseveranstalter leiden unter der Krise. Wer solide aufgestellt ist, profitiert vom Wegfall der Konkurrenz. DER Touristik, die Reisesparte des Rewe-Konzerns mit Marken wie Dertour, Meiers Weltreisen und ITS Reisen, meldete nach der FTI-Insolvenz einen deutlichen Zulauf. Das Unternehmen erwartete durch die neu verteilten Marktanteile rund 400.000 zusätzliche Gäste. Auch TUI verlegte 300.000 zusätzliche Plätze für den Sommer 2024.

Schauinsland-Reisen vermeldete für 2024/2025 erstmals mehr als zwei Millionen Kunden und ein Umsatzplus von 11,5 Prozent. Wachstumstreiber waren Thailand, die Malediven und weitere Fernreiseziele. Alltours berichtete von zweistelligen Wachstumsraten. Der Markt konsolidiert sich weiter.

Was bedeutet DerTour-Frage für Kunden?

Immer wieder fragt man sich, ob Großveranstalter wie DerTour in Schwierigkeiten geraten könnten. Die ehrliche Antwort: Kein Veranstalter ist per se sicher – aber große, konzerngebundene Anbieter wie DER Touristik (Rewe-Tochter) oder TUI haben deutlich mehr Puffer als kleinere Unternehmen. Und selbst wenn ein großer Veranstalter heute insolvent würde: Der DRSF steht bereit.

Was Kunden heute wissen müssen

Die wichtigsten Regeln beim Reisebuchung:1. Pauschalreise ist Pflicht für vollen Schutz: Nur wer eine Pauschalreise bucht (Flug plus Hotel in einem Paket), ist über den DRSF abgesichert. Einzeln gebuchte Hotels, Flüge oder Mietwagen fallen nicht darunter.

2. Sicherungsschein aufbewahren: Bei jeder Pauschalreise gibt es einen Reisesicherungsschein. Dieser benennt den Absicherer, der im Insolvenzfall zuständig ist.

3. Kreditkarte kann helfen: Bei Einzelbuchungen kann ein Chargeback-Verfahren über die Kreditkarte funktionieren, wenn die Leistung nicht erbracht wurde.

4. Im Insolvenzfall: Nicht selbst stornieren: Wer seine Buchung eigenständig storniert, verliert möglicherweise seinen Erstattungsanspruch beim DRSF. Abwarten und auf die offizielle Kommunikation warten.

Wie stabil ist die Reisebranche 2026?

Die Nachfrage nach Pauschalreisen ist trotz aller Turbulenzen ungebrochen. Die Deutschen geben mehr Geld für Urlaub aus denn je. Gleichzeitig wächst der Druck durch steigende Kosten, Online-Direktbuchungen und eine zunehmend preissensible Kundschaft. Kleinere und mittlere Veranstalter ohne starken Konzernrückhalt bleiben anfällig.

Der DRSF hatte laut eigenen Angaben zum 30. Juni 2025 insgesamt 196 abgesicherte Reiseveranstalter in seinem Portfolio, davon 160 mit Pflichtabsicherung (Umsatz ab zehn Millionen Euro) und 36 freiwillig versicherte Anbieter. Das System ist stabiler als noch 2019, aber die nächste Pleite wird kommen. Die Frage ist nur, wer es trifft und wie gut man vorbereitet ist.

Fazit: Gelernt, aber nicht fertig

Die Reiseveranstalter-Pleiten der vergangenen Jahre haben die Branche verändert, den Verbraucherschutz gestärkt und den Markt konsolidiert. Thomas Cook hat das Absicherungssystem reformiert. FTI hat gezeigt, dass das neue System im Ernstfall funktioniert, auch wenn es Lücken gibt. Wer als Urlauber die Grundregeln kennt, ist heute deutlich besser aufgestellt als noch vor zehn Jahren. Und wer sich die falschen Fragen stellt, kann trotzdem auf den Kosten sitzenbleiben.

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